Worte sind wie Federn im Wind

Ein Mann verbreitete verleumderische Behauptungen über den weisesten Mann einer Stadt. Später bedauerte er seine üble Nachrede und bat den Weisen um Vergebung. Er wolle auch alles Nötige tun, um den Schaden wiedergutzumachen. Der Weise bat ihn nur um eines: Er solle doch ein mit Federn gefülltes Kissen aufschneiden und die Federn im Wind verstreuen.

Erstaunt ob dieser merkwürdigen Bitte, ging der Mann seiner Wege und tat, wie ihm geheißen wurde. Wieder zurück, fragte er den Weisen:

„Habt Ihr mir nun vergeben?“

Dieser antwortete: „Geht zuerst und sammelt alle Federn wieder ein.

“ „Aber das ist doch unmöglich!“ antwortete der Mann. “ Der Wind hat sie doch längst davongetragen!“

“ Genauso unmöglich ist es den Schaden wiedergutzumachen, den Ihr durch Eure Worte angerichtet habt.“ „ erwiderte der Weise.

Die Lehre liegt auf der Hand. Was einmal gesagt worden ist, kann nicht wieder zurückgenommen werden. Und die entstandenen Verletzungen lassen sich vielleicht nie wieder ganz heilen. Sind wir versucht, negatives Gerede weiterzuerzählen, dann halten wir uns vor Augen, das wir gerade im Begriff stehen, Federn im Wind zu verstreuen.

Alles hat seinen Zweck

“Ein Wasserträger in Indien hatte zwei gleich große Töpfe. Sie hingen an beiden Enden einer langen Stange, die er über den Nacken legte. Einer der Töpfe hatte einen Riss, der andere dagegen war völlig intakt. Der heile Topf enthielt am Ende des langen Weges vom Fluss zum Haus des Herrn immer noch die gesamte Ration Wasser. Der Topf mit dem Sprung dagegen kam immer nur halb voll an. Zwei Jahre lang brachte der Wasserträger seinem Herren nur anderthalb Töpfe Wasser.

Der heile Topf war stolz auf seine Leistung, denn er erfüllte genau den Zweck, zu dem er gemacht worden war. Der beschädigte Topf jedoch schämte sich für seine Unvollkommenheit und fühlte sich elend, weil er nur die Hälfte von dem brachte, wofür er gedacht war. Nach dem zweiten Jahr, in dem er sich nun schon als bitterer Versager empfand, sprach der unglückliche Topf eines Tages den Wasserträger am Fluss an: “Ich schäme mich und möchte mich bei dir entschuldigen”. “Warum?”, fragte der Wasserträger. “Wofür schämst du dich denn?”. “Ich habe die vergangenen beiden Jahre immer nur die Hälfte meines Inhalts abliefern können, weil auf dem Weg vom Fluss zum Haus deines Herrn immer die Hälfte des Wassers aus mir heraustropft. Wegen dieses Mangels musst du viel mehr arbeiten und bekommst noch nicht mal den vollen Gegenwert für deine Mühe”, sagte der Topf.

Dem Wasserträger tat der rissige Topf leid, und so entgegnete er: “Wenn wir gleich zum Haus des Herrn zurückgehen, möchte ich, dass du einmal auf die wunderschönen Blumen am Wegrand achtest.” Und tatsächlich, als sie den Hügel hinaufgingen, bemerkte der Topf die wunderschönen Blumen am Wegesrand, die bunt in der Sonne leuchten, und das heiterte ihn wieder ein wenig auf. Aber am Ende des Pfades fühlte er sich immer noch schlecht, weil wieder die Hälfte seines Inhaltes verloren gegangen war, und deshalb entschuldigte er sich abermals bei dem Wasserträger für sein Versagen.

Der Träger sagte zu dem Topf: “Ist dir aufgefallen, dass nur an deiner Seite des Weges Blumen wachsen, auf der anderen Seite, wo der heile Topf hängt, aber nicht? Das liegt daran, dass ich immer um deinen Mangel gewusst und ihn für meine Zwecke genutzt habe. Ich habe nämlich an deiner Seite des Weges Blumen gesät, und du hast sie jeden Tag, wenn wir den Weg zurück vom Fluss zurück zum Haus des Herrn gegangen sind, gegossen. Schon seit zwei Jahren kann ich jetzt wunderschöne Blumen pflücken, um den Tisch meines Herrn damit zu schmücken. Wenn du nicht genau so wärst, wie du bist, wäre sein Haus nicht so schön geschmückt.”

Das Streben einer Palme nach Wachstum

Eine kleine Palme wuchs kräftig am Rande einer Oase. Eines Tages kam ein Mann vorbei. Er sah die kleine Palme und konnte es nicht ertragen, dass sie so prächtig wuchs.

Der Mann nahm einen schweren Stein und hob ihn in die Krone der Palme. Schadenfroh lachend suchte er wieder das Weite. Die kleine Palme versuchte, den Stein abzuschütteln. Aber es gelang ihr nicht. Sie war verzweifelt.

Da sie den Stein nicht aus ihrer Krone bekam, blieb ihr nichts anderes übrig als mit ihren Wurzeln immer tiefer in die Erde vorzudringen, um besseren Halt zu finden und nicht unter der Last zusammenzubrechen.

Schließlich kam sie mit ihren Wurzeln bis zum Grundwasser und trotz der Last in der Krone wuchs sie zur kräftigsten Palme der Oase heran.

Nach mehreren Jahren kam der Mann und wollte in seiner Schadenfreude sehen, wie wohl verkrüppelt die Palme gewachsen sei, sollte es sie überhaupt noch geben. Aber er fand keinen verkrüppelten Baum.

Plötzlich bog sich die größte und kräftigste Palme der Oase zu ihm herunter und sagte:

„Danke für den Stein, den du mir damals in die Krone gelegt hast. Deine Last hat mich stark gemacht!“

Afrikanisches Märchen

Wage das Neue, auch wenn es mit einer Anstrengung verbunden ist.

 

Das schönste Meer ist das noch nicht befahrene.“ Nâzım Hikmet

Etwas Neues zu wagen, das ist zwar stets mit einem Risiko und einer Anstrengung verbunden, aber es ist auch in einem ganz positiven Sinne aufregend und beflügelnd.

Wer das Neue und die Weite der Zukunft erleben will, muss von einer Klippe springen.

Prokrastination: Chronische Aufschieberitis

Unangenehme Arbeiten vertagen, Entscheidungen hinauszögern – das macht jeder ein bisschen. Wann ständiges Aufschieben zum ernsthaften Problem wird


 

Frau schiebt Arbeit auf
Aufschieben: Ungeliebte Arbeiten erledigen wir häufig auf den letzten Drücker

Beitrag aus der Apotheken Umschau

Aufschieben: Ungeliebte Arbeiten erledigen wir häufig auf den letzten Drücker

Auf dem Schreibtisch wartet die Steuererklärung. Die Versicherungsunterlagen müssten auf Vordermann gebracht werden. Die Geburtstagsfeier bei Tante Waltraud absagen, den Termin für die Vorsorgeuntersuchung besorgen, das Kellerchaos aufräumen – man müsste, sollte, könnte mal. Der Konjunktiv 2 als Alltagsbegleiter.

„Ein bisschen Aufschieben ist normal, das macht jeder“, beruhigt der Berliner Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert, der zu diesem Thema einen Bestseller geschrieben hat. „Manchmal macht Aufschieben ja sogar Sinn.“ Wer etwa die notwendige Anschaffung eines neuen Computers hinauszögert, wird erfahrungsgemäß für weniger Geld ein besseres Modell bekommen. „Anspruchsvolle Vorhaben, wie zum Beispiel eine Weltreise, brauchen sogar den Aufschub, damit man sie vernünftig vorbereiten kann.“

Schieben Sie viele Dinge auf?

Hitliste der Vermeidungsthemen

Rund 20 Prozent der Bevölkerung haben Studien zufolge größere Probleme, direkt die Dinge anzupacken, die sie sich fest vorgenommen haben. Haushaltspflichten und „Papierkram“ führen die Hitliste der Vermeidungsthemen an. Aufschieben kann sogar ein Hochgefühl erzeugen: Der weit verbreitete „Erregungsaufschieber“ kommt gern zu spät, er erreicht den Zug nur mit wehenden Rockschößen und erledigt alles auf den letzten Drücker. Erst der Adrenalin-Kick bringt ihn in Wallung, im Panik-Modus läuft er zur Hochform auf. Und schafft sich ganz nebenbei einen Schutzwall vor schlechter Bewertung: Hätte ich mehr Zeit investiert, dann wäre das Ergebnis fulminant gewesen.

Was hält uns ab, was bremst uns aus? Das Aufschieben, Fachausdruck: Prokrastination, ist seit den 70er-Jahren Gegenstand intensiver psychologischer Forschung. Sie ist kulturunabhängig, geht durch alle Schichten, betrifft beide Geschlechter und kann krankhafte Züge annehmen.

Wann wird das Aufschieben behandlungsbedürftig?

Chronisches Aufschieben kann ein Symptom oder Auslöser einerDepression oder Angststörung sein. Auch andere Persönlichkeitsfaktoren oder -störungen können zugrunde liegen. Ob das im Einzelfall zutrifft, kann ein Psychotherapeut sagen und bei Bedarf geeignete Therapiewege vorschlagen.

Behandlungsbedürftig ist die Prokrastination zum Beispiel, wenn wichtige Herausforderungen des Lebens systematisch vermieden und dadurch Wohlbefinden und persönliche Entwicklung des Betroffenen dauerhaft einschränkt werden: der Studienabschluss, die Trennung aus einer unglücklichen Beziehung, der überfällige Jobwechsel. Psychotherapeut Rückert spricht von einer „Handlungsstörung“: „Der Betroffene ist fest davon überzeugt, dass das Vorhaben wichtig und dringend ist und nur von ihm persönlich erledigt werden kann. Dennoch schiebt er dieses Vorhaben aus für ihn unerfindlichen Gründen immer wieder auf.“ Zu dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, gesellen sich Scham und schlechtes Gewissen. Der Selbstwert geht in den Keller, man fühlt sich als Versager, als „fauler Hund“.

Sieben Tipps gegen Aufschieberitis

1. Ordnung schaffen: Den Arbeitsplatz aufräumen, um Übersicht zu schaffen und Ablenkung zu vermeiden. Machen Sie dies am besten schon am Abend vorher, sonst lassen Sie sich womöglich durch das Aufräumen davon abhalten, die geplante Arbeit zu starten.

2. Störfaktoren entfernen:
 Telefon und Internet ausschalten, pünktlich anfangen. Haben Sie den ersten Schritt getan, fallen die nächsten leichter.

3. Schwarz auf Weiß: Erstellen Sie eine schriftliche To-do- oder Prioritätenliste. Schwarz auf Weiß bekommen die Aufgaben oft mehr Gewicht, als wenn man sie sich nur gedanklich vornimmt.

4. Sichtbar machen: Die Steuererklärung muss dringend erledigt werden? Ein Vorsorgetermin vereinbart? Verstecken Sie die Überweisung oder Unterlagen nicht im Schrank, sondern bewahren Sie sie gut sichtbar auf. Es kann teuer werden, wenn Sie zum Beispiel eine termingebundene Überweisung versäumen, weil sie Ihnen „aus den Augen, aus dem Sinn“ gekommen war.

5. Kleine Schritte: Eine Aufgabe erscheint Ihnen so umfangreich, dass sie schier nicht zu bewältigen ist? Unterteilen Sie die Arbeit in kleine Schritte – inhaltlich wie zeitlich. Überschaubare Portionen erleichtern den Start und schaffen wichtige Erfolgserlebnisse.

6. Belohnung:
 Sie können stolz auf die erreichten Zwischenziele sein. Belohnen Sie sich nach der geleisteten Etappe – aber bitte nicht vorher! Belohnung verstärkt Verhalten – und somit auch Vermeidungsverhalten.

7. Vernünftig planen: Sie nehmen sich pro Tag immer viel zu viel vor? Stecken Sie sich realistische Ziele – und seien Sie nicht so streng mit sich selbst, wenn Sie mal weniger schaffen, als geplant.

Frau schiebt Arbeit auf
Ein Berg an Arbeit: In

Ein Berg an Arbeit: In „kleine Portionen“ aufzuteilen erleichtert das Anfangen

Der notorische Aufschieber leidet

Mit Faulheit hat das Ganze aber nichts zu tun. „Der Faulpelz vermeidet die Anstrengung, und es geht ihm gut dabei“, erklärt Rückert. Der notorische Aufschieber hingegen leidet – und ist dabei höchst fleißig. Selbst ungeliebte Tätigkeiten erledigt er, wenn er damit jenen Themen aus dem Weg gehen kann, die wirklich wichtig sind.

Der Berliner Experte beschreibt den Fall einer jungen Mutter, die ihren Wunsch, als Designerin Fuß zu fassen, immer wieder zurückstellt: Kinder, Haushalt, der konservative Ehemann. Man kommt ja zu nichts. Die Frau ist umtriebig, aber im Kern unzufrieden. Sie schämt sich, dass sie auf der Stelle tritt, fühlt sich in der Falle. Dass massive Angst vor dem Versagen im Traumjob und die Scheu vor der Auseinandersetzung mit dem Ehemann sie bremsen, ist ihr nicht bewusst. „In solchen Fällen ist das Aufschieben ein Abwehrmechanismus, um Gefahren, die den Selbstwert bedrohen, zu entgehen“, sagt Rückert.

Warum schieben wir Dinge auf? Weil der Mensch entwicklungsgeschichtlich nicht darauf vorbereitet ist, vorsorgend und arbeitsteilig zu handeln, meinen Evolutionspsychologen. Die Aufgaben der Jäger und Sammler waren lebensnotwendig und unaufschiebbar. Das wirkt bis heute nach, wenn wir Dinge tun sollen, die wir auch morgen tun könnten. Oder übermorgen. Kein Wunder, dass die Prokrastination besonders dort gedeiht, wo Arbeitszeit frei eingeteilt werden kann: bei Studenten, Künstlern, Freiberuflern.

Vielen Studenten macht Prokrastination zu schaffen

Freiheit erfordert ein hohes Maß an Selbstverantwortung. „Wer am Fließband steht, kann nicht aufschieben“, sagt Rückert. Er leitet die „Studienberatung und Psychologische Beratung“ an der Freien Universität Berlin, wo Aufschieben ein gängiges Thema ist. 70 Prozent der Studenten geben in Umfragen an, ein Problem damit zu haben. Die Universität Münster hat für diese Zielgruppe eigens eine „Prokrastinationsambulanz“ eingerichtet. Sie bietet zudem einenkostenlosen Online-Test* an.

Bemerkenswert ist, dass auch freigewählte, angenehme Beschäftigungen der Aufschiebung zum Opfer fallen: der Spanischkurs, das Training im Sportstudio, endlich Saxofon spielen lernen. „Wir machen die Dinge nur dann mühelos, wenn sie zu mindestens 70 Prozent mit guten Gefühlen verbunden sind“, sagt Experte Rückert. Wenn sich aber beispielsweise zu dem Vorsatz, eine Fremdsprache zu lernen, das negative Gefühl „Ich kann mir so schlecht Vokabeln merken“ gesellt, dann gerät der eigene Selbstwert in Gefahr. Also bleibt es oft beim „Ich würde so gern …“

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Ingrid Kupczik / www.apotheken-umschau.de; 29.01.2014, aktualisiert am 03.02.2014
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