Leben und Tod. Zwei schöpferische Abschnitte der Existenz im Jetzt!


Gerade im Angesicht des Todes und dann wenn er nahe an uns herantritt: Wie sollen wir im Angesicht des Todes leben? Ein großer Zen-Meister erzählt dazu folgendes Gleichnis:

Ein Mann war auf der Wanderung durch den dichten Dschungel. Plötzlich sprang ein Tiger aus dem Gebüsch.

Der Mann rannte davon, doch das wilde Tier folgte ihm. Der Mann rannte und rannte. Er kam an eine Klippe. Dort ergriff er in seiner Verzweiflung eine wilde Weinrebe und sprang über den Rand.

Nun hing er an der Weinrebe, voller Angst. Unter ihm konnte er auch noch einen zweiten Tiger entdecken, der nach oben zu ihm hinauffauchte und nur darauf wartete, ihn fressen zu können. Über ihm stand der andere Tiger und starrte ihn aus gelben Augen grimmig an. Die Weinrebe gab ein Stückchen nach und der Mann konnte sehen, daß sie kurz davor war, zu reißen.

Dann fiel sein Blick auf eine saftige Weintraube gleich vor seiner Nase. Während er sich mit der einen Hand weiter festhielt, pflückte er sich eine Traube und steckte sie in den Mund.

Wie köstlich sie schmeckte!

Veränderung ist ein Teil des Lebens und der Entwicklung der Seele, ein Teil des Todes, ein Teil der Evolution ohne die es keine neuen Schöpfungen gäbe. Tod ist ein anderes Wort für Leben, den Leben ist grenzenlos, ohne Ende und ohne Anfang.

„Geh hin, geh hin auf den alten Pfaden der Vorfahren, denn sie wissen um den Maskenball der Seelen auf dieser Welt“ hängt mit dem Thema des Todes zusammen.

Der Tod ist eigentlich nur ein langer Schlaf vor der nächsten Wiedergeburt. Er ist nichts endgültiges, unwiderrufliches, sondern nur ein Zustand zwischen den einzelnen Leben auf dieser Erde und Existenzen in anderen Seins-Formen.

Atman, die in uns ruhende unveränderliche Seele, ist ein Funke, der das ganze Universum durchdringenden Schöpferkraft des Schöpfers.

Dieses Atman selbst ist für den menschlichen Geist unfaßbar, weil es unpersönlich, unendlich und unbeweglich ist. Es stellt kein eigenes Wesen dar, deshalb ist es nicht faßbar. Wir können uns diese Qualität aber wie das Sonnenlicht auf einer Wasseroberfläche vorstellen.

Das Atman hingegen kann eigentlich nur dadurch erklärt werden, was es nicht ist. Man kann es nicht berühren, daher auch nicht zerstören. Es leidet und es stirbt daher auch nicht. Man kann es sich als das Unsterbliche im sterblichen Leib vorstellen. Eigentlich ist auch Atman für den gewöhnlichen Menschen nicht faßbar. Durch Meditation, Askese und Yoga kann man es jedoch erreichen.

Dieses Artman nutzt den Zustand des Todes, um von einem Körper auf den andern überzugehen. Es sucht sich die irdische Hülle, die für seinen nächsten Aufgaben im kommenden Leben am geeignetsten ist.
Das Bewußtsein aber schläft in diesem Zustand. Daher kommt es auch, daß wir zwar Talente und Fähigkeiten haben, deren Herkunft die Schulwissenschaft nicht erklären kann, wir uns aber normalerweise auch nicht bewußt an ein vorangegangenes Leben erinnern können. Die Sinne ziehen sich zurück, wie die Natur und das Pflanzenreich sich im Winter in die Stille in die Ruhe begibt.

Nur der Körper stirbt, das unsterbliche und unzerstörbare Selbst eines jeden Wesens aber wechselt seine irdischen Hüllen so wie sie Kleider wählen, die einem bestimmten Anlaß angemessen sind.

Deshalb wenden sich die Brahmanen beim Begräbnisritual auch an das Atman und sagen:

„Geh hin, geh hin auf den alten Pfaden der Vorfahren, denn sie wissen um den Maskenball der Seelen auf dieser Welt.“

„Einst wurde ein junger Brahmane von seinem zornigen Vater ins Jenseits gesandt. Er war der erste Mensch, der das Reich des Totengottes Jama besuchte. Der Totengott war ein viel beschäftigter Mann und beachtete den Brahmanen nicht. Später erkannte er seine grobe Unhöflichkeit und gewährte dem Brahmanen als Ausgleich drei Wünsche.

Als der junge Mann dann den dritten Wunsch nennen sollte, bat er Jama, ihm das Geheimnis des Todes zu enthüllen.

Jama antwortete, das der Tod nur ein Trugbild ist, daß in die Welt kam, weil die Menschen ihre Kenntnis von der Unsterblichkeit ihre Seelen vergessen haben. Sie wissen nicht mehr, daß die Seele nicht mit dem Körper stirbt. Jama erklärte dem jungen Brahmanen, daß sich der Tod überwinden läßt, wenn es gelingt, das eigene Selbst zu überwinden und zu transzendieren.“

Die große Wirklichkeit dieses Themas, die sich dem Verstand dahinter verbirgt, wird erst durch die Praxis tiefer Meditation, innerer Erkenntnis und bewußtem spirituellen Handeln im Leben entfaltet.

„Das Eingehen in das Nirvana ist, wie wenn ein Tropfen Wasser im Meer versinkt.“

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