Rednerkultur, Redeinhalt und Rednerpräsenz

Rednerkultur und Sprechkunst ist mehr als nur das aneinander reihen von Worthülsen und Texten.

Im Jahr 2006 haben das Allensbach-Institut für Demoskopie und die Universität Mainz das Thema neu untersucht. Der Titel ihrer Studie lautet: „Welchen Anteil haben Text, Erscheinungsbild des Redners, Betonung und Gestik an der Gesamtwirkung eines Vortrags?“ Zunächst wurden mit Hilfe von 2.000 repräsentativ ausgewählten Probanden Texte auf ihre Wirkung bzw. Überzeugungskraft untersucht. Es ging um Themen, zu denen es in der Bevölkerung keine eindeutige Meinung gibt, z. B. das Autofahren tagsüber mit Licht oder die positiven und negativen Auswirkungen der Globalisierung.

Bereits die Versuchsanordnung unterscheidet sich erheblich von dem Experiment aus den Sechzigern.

Anschließend hat ein professioneller Redner den überzeugendsten Text in verschiedenen Versionen mit unterschiedlicher Betonung, Mimik und Körpersprache vorgetragen und wurde dabei gefilmt. Die Aufzeichnungen wurden nun verschiedenen Gruppen vorgeführt, die ebenfalls repräsentativ zusammengesetzt waren. Die Gruppen konnten während der Rede festhalten, welcher Teil der Rede eine besonders starke Wirkung auf sie hatte.

Alle Teilnehmer wurden anschließend mit Hilfe umfassender Fragebögen befragt. So wollten die Forscher unter anderem herausfinden, ob der Redner sie von seiner Meinung überzeugen konnte. Zur Kontrolle wurde auch eine Gruppe befragt, die den Vortrag nur zu lesen bekommen hatte, sowie eine Gruppe, die weder Text noch Rede gesehen hatte – ein Blindtest mit unbeeinflussten Probanden.

Die Auswertungen liefern eindeutige Ergebnisse.

Die Wissenschaftler haben herausgefunden: Ist der Redeinhalt sehr überzeugend, kann durch Stimme, Gestik und Mimik nur wenig an Wirkung hinzugefügt werden. Ist der Redeinhalt weniger überzeugend, können Stimme Gestik und Mimik mehr ausrichten, wobei die Körpersprache und Mimik zusammen ungefähr dreimal mehr an Bedeutung haben, als die Stimme.

Die Basis für die Überzeugungskraft einer Rede ist immer der Text.

Dies ergibt sich, sagt die Studie, bereits aus der Tatsache, dass der Text am logischen Anfang der Wirkungskette steht.

Die anderen Elemente, Körpersprache, Mimik und Stimmvielfalt, sind lediglich für mehr oder weniger zusätzliche Wirkung verantwortlich.
Quelle Rethorikmagazin

 

Meine Anmerkung dazu:


Auch die Stimme, die Stimmungen hervorruft, die Präsenz und das Charisma haben einen entscheidenden Einfluss auf den Erfolg einer Rede.

Ohne Pathos wäre eine Rede nicht mehr als ein Ödnis insbesondere dann, wenn ein langweiliger Redner redet, der den Wunsch hat, dass ihm jemand zuhört. Dann kommt es natürlich auch darauf an, wie tief durchdrungen der Redner von seinem Text und dem Inhalt ist.

Die Wandlung des Redners im Kontakt mit diesen Kenntnissen. Wie kongruent, wie authentisch ist er mit dem was er sagt. Hat er nur seinen Text auswendig gelernt, oder hat er sich mit dem Wissen anderer auseinandergesetzt?

Hat er sich damit begnügt, die Perlen des Wissens aufzureihen, oder versuchte er zu verstehen, was dieses Wissen bedeutet und wie weit es ihn selbst angeht?

Rednerkultur und Sprechkunst ist mehr als nur das aneinander reihen von Worthülsen und Texten.