Die kleine Schraube

Es gab einmal in einem riesigen Schiff eine ganz kleine Schraube, die mit vielen anderen ebenso kleinen Schrauben zwei große Stahlplatten miteinander verband. Diese kleine Schraube fing an, bei der Fahrt mitten im Indischen Ozean etwas lockerer zu werden und drohte heraus zu fallen.

Da sagten die nächsten Schrauben zu ihr: »Wenn du herausfällst, dann gehen wir auch.« Und die Nägel unten am Schiffskörper sagten: »Uns wird es auch zu eng, wir lockern uns auch ein wenig.« Als die großen eisernen Rippen das hörten, da riefen sie: »Um Gottes willen bleibt; denn wenn ihr nicht mehr haltet, dann ist es um uns geschehen!« Und das Gerücht von dem Vorhaben der kleinen Schraube verbreitete sich blitzschnell durch den ganzen riesigen Körper des Schiffes. Es ächzte und erbebte in allen Fugen. Da beschlossen sämtliche Rippen und Platten und Schrauben und auch die kleinsten Nägel, eine gemeinsame Botschaft an die kleine Schraube zu senden, sie möge doch bleiben; denn sonst würde das ganze Schiff bersten und keine von ihnen die Heimat erreichen.

Das schmeichelte dem Stolz der kleinen Schraube, dass ihr solch ungeheure Bedeutung beigemessen wurde, und sie ließ sagen, sie wolle sitzenbleiben

 

Der Blinde und der Lahme

Ein Blinder irrt orientierungslos durch den Wald. Plötzlich stolpert er über etwas am Boden und fällt der Länge nach hin. Als der Blinde auf dem Waldboden herumtastet, entdeckt er, dass er über einen Mann gefallen ist, der am Boden kauerte. Dieser Mann ist ein Lahmer, der nicht laufen kann.

Die beiden beginnen ein Gespräch miteinander und klagen sich gegenseitig ihr Schicksal.

“Ich irre schon seit ich denken kann in diesem Wald herum und finde nicht wieder heraus, weil ich nicht sehen kann.” ruft der Blinde aus.

Der Lahme sagt: “Ich liege schon, seit ich denken kann, am Boden und komme nicht aus dem Wald heraus, weil ich nicht aufstehen kann.”

Und während sie sich so unterhalten, ruft der Lahme plötzlich aus: “Ich hab’s! Du nimmst mich auf den Rücken, und ich werde dir sagen, in welche Richtung du gehen musst. Zusammen können wir aus dem Wald herausfinden.”

Laut Aussage des alten Geschichtenerzählers symbolisiert der Blinde die Rationalität, der Lahme die Intuition. Auch wir werden aus dem Wald nur herausfinden, wenn wir lernen beide zusammenzubringen.

aus: Peter M. Senge: Die fünfte Disziplin

Gleichnis vom Elefanten

Ein indischer Fürst liess alle Blindgeborenen seines Landes zusammenführen und liess ihnen zeigen, wie ein Elefant aussieht.

Alle standen nun um den Elefanten herum und betasteten ihn, ein jeder, wo er gerade stand. Dann begab sich der König zu den Blinden und fragte sie: „Wie ist denn ein Elefant?“Und da sagten nun die einen:
Der Elefant ist wie ein Tragkessel – so sprachen die, die den Kopf betastet hatten.
Der Elefant ist wie eine Schaufel – so sagten die, die das Ohr des Elefanten betastet hatten.
Der Elefant ist wie eine Pflugschar – so sagten die, die seinen Zahn betastet hatten,
wie eine Stange am Pfluge ist der Elefant – so sagten die, die seinen Rüssel betastet hatten.
Wie ein Pfeiler ist der Elefant – sie hatten sein Bein berührt,
wie eine Keule ist der Elefant – sie hatten seinen Schwanz in die Hand genommen,
wie ein Besen ist der Elefant – so sprachen die, welche das Schwanzende befühlt hatten.

Und sie gerieten miteinander in Streit, und jeder meinte recht zu haben, denn er traute der eigenen Erfahrung.

Die Saat

So erzählt die folgende Geschichte von einem Säman, der auf sein Feld ging, um dort Getreide zu säen.

In seiner Hand hatte er eine Schale mit Samenkörnern. Er streute sie auf das Feld. „Bald wird dort Getreide wachsen“, freute er sich. Als er alle Samenkörner auf das Feld gestreut hatte, schaute er sich seine Arbeit an. Er sah das Feld. Auf dem Feld war ein kleiner Weg, auch dort waren Körner hingefallen. An manchen Stellen des Feldes war viel Erde, an anderen waren Felsen mit nur wenig Erde darüber. Und er sah auch, dass an einigen Stellen des Feldes Unkraut und Dornen wuchsen. Überall lagen Samenkörner verteilt. Jetzt musste er warten.

Der Samen ist wie der Glaube, den wir in unser Handeln und in unsere Träume geben. Der Säman hat ja nicht die Samen gesät, damit sie einfach auf dem Feld liegen, sondern damit sie wachsen. Und so ist es auch mit unserem Glauben und unserem Tun zur Verwirklichung unserer Träume und Visionen. Zunächst will der Traum nach Glück, Freude und Erfolg in uns wachsen. Das geht nicht von einem Moment auf den anderen. Das braucht Zeit und wir müssen immer wieder auf unsere innere Stimme , auf unser Vertrauen und Intuition hören, damit wir die Schritte zur Verwirklichung konstant gehen können. Auch der Samen auf dem Feld brauchte Zeit zum Wachsen.

Am nächsten Tag war noch nichts passiert, auch am übernächsten Tag noch nicht. Die Samen brauchten Sonne, und sie brauchten auch Regen. Und irgendwann konnte man kleine grüne Pflanzen sehen, die aus dem Boden kamen. Der Sämann schaute über sein Feld. Er sah auch den Weg. Dort waren keine Pflänzchen zu sehen. Der Samen, der auf den Weg gefallen war, fing nicht an zu wachsen. Vögel waren gekommen und hatten alle Samenkörner vom Weg aufgefressen.

„So ist es auch bei manchen Menschen“. „Sie lassen sich begeistern, motivieren und beginnen ihren Weg zu gehen. Aber dann kommen Zweifel, Kritik, die Angst, die einem von vielerlei Seiten vermittelt wird. Man wird Opfer und stürzt ab in die Reaktivität, der Traum erlischt, der innere Ruf wird zum Echo und bald kaum noch hörbar. Sie vergessen es einfach und denken nicht mehr daran. Und so glauben sie auch nicht daran.“ Vertrauen und Glauben sind sehr wichtig. Sonst ist es wie bei den Samen auf dem Weg. Sie wachsen nicht.

Aber die anderen Samen wuchsen. Doch schon bald merkte der Sämann, dass die Samen auf dem felsigen Boden immer welker wurden. Sie waren gewachsen, aber dort war nur eine ganz dünne Schicht Erde über dem Felsen. So hatten sie nicht genug Feuchtigkeit. Als die Sonne warm schien, vertrockneten die kleinen Pflanzen schnell. Sie brachten auch keine Frucht.

So ist es bei manchen mit unserem Vertrauen und unserer inneren Führung. Sie hören es, denken darüber nach und glauben es auch. Aber dann sagt jemand etwas kritisches, oder sie werden ausgelacht. Und schon hören sie auf zu glauben und wollen nichts mehr mit Weg zur Freiheit, zu Glück und Erfolg, zur Eigenverantwortung zu tun haben. Dann wird kein Same eine Frucht bringen.

Aber auf dem Feld gab es ja noch mehr Samenkörner. Die Sonne schien, es regnete, ein Tag nach dem anderen verging. Die kleinen Pflanzen wurden immer größer. Aber auch das Unkraut und die Dornen wuchsen an manchen Stellen immer höher. Die Dornen waren größer als die kleinen Getreidepflanzen. Und so nahmen sie den Pflanzen das ganze Licht weg. Die Getreidepflanzen hatten nicht mehr genug Platz zum Wachsen und sie erstickten. Sie gingen kaputt und brachten keine Frucht.

Vielen Menschen ergeht es genau so. Es kommen andere Dinge und Einflüsse, Zeitdiebe und Nebensächlichkeiten, die plötzlich wichtiger sind. Man denkt nur an Geld, an das Auto, an die Reisetraumziele in der Ferne, an die Sicherheit zu Hause oder an ein schönes Kleid. Und das alles ist dann plötzlich viel wichtiger als die Verwirklichung der eigenen Lebensträume oder des persönlichen Lebensplans. Oder man macht sich Sorgen um andere Dinge, dass man gut aussieht oder dass die anderen einen auch mögen.

Wegen der Dornen konnten einige Samenkörner nicht wachsen. Aber der Sämann hatte ja auch viele Körner auf das Feld gestreut, das guten Boden hatte. Dort wuchsen die Pflanzen immer mehr. Und bald waren Ähren zu sehen. Schließlich war das Getreide reif, so dass es geerntet werden konnte. Der Sämann freute sich. Denn dafür hatte er ja den Samen gesät, damit er wächst und Frucht bringt. Er schaute sich die einzelnen Ähren an. In manchen waren 30 kleine Samenkörner zu sehen. In manchen sogar 60 oder 100. Das hatte sich gelohnt. Aus einem kleinen Samenkorn, das er gesät hatte, waren so viele Körner geworden.

Vertrauen in sich selbst, seine Fähigkeiten und Talente, der Glaube an den eigenen Traum, eine Vision, ein Leben im Hier und Jetzt, soll bei uns auch wachsen und Früchte bringen. Aber das geht nur, wenn unser Herz ein guter Boden ist, wir eine Beziehung zu unserem Selbst haben und uns selbst verwirklichen.

Vortrag und Seminar: Berufung – Lebensplan – Lebenssinn

Der Suchende

 
Es war einmal ein Suchender. Er suchte nach einer Lösung für sein Problem, konnte sie aber nicht finden. Er suchte immer mehr, immer verbissener, immer schneller und fand sie doch nirgends.

Die Lösung ihrerseits war inzwischen schon ganz außer Atem. Es gelang ihr einfach nicht, den Suchenden einzuholen, bei dem Tempo, mit dem er hin und her raste, ohne auch nur einmal zu verschnaufen oder sich umzusehen. Eines Tages brach der Suchende mutlos zusammen, setzte sich auf einen Stein, legte den Kopf in die Hände und hielt inne.

Die Lösung, die schon gar nicht mehr daran geglaubt hatte, den Suchenden irgendwann einzuholen, stolperte mit voller Wucht über ihn! Und er fing auf, was da so plötzlich über ihn herein brach und entdeckte erstaunt, dass er seine Lösung in Händen hielt.

Die drei Siebe

.

.

.
Eines Tages kam ein Lehrling zu Sokrates gelaufen.

„Höre, Sokrates, ich muss dir berichten, wie dein Freund….“

„Halt ein“ unterbrach ihn der Philosoph.“Hast du das, was du mir sagen willst, durch drei Siebe gesiebt?“

„Drei Siebe?“ fragte der Lehrling verwundert.

„Ja! Drei Siebe! Das erste ist das Sieb der Wahrheit.
Hast du das, was du mir berichten willst,
geprüft ob es auch wahr ist?“

„Nein, ich hörte es erzählen.“

„Nun, so hast du sicher mit dem zweiten Sieb, dem Sieb der Güte, geprüft.
Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht wahr ist – wenigstens gut?“
Der andere zögerte. „Nein, das ist es eigentlich nicht. Im Gegenteil…..“

„Nun“, unterbrach ihn Sokrates. „so wollen wir noch das dritte Sieb nehmen und uns fragen,
ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so zu erregen scheint.“
„Notwendig gerade nicht….“

„Also“, lächelte der Weise, „wenn das, was du mir eben sagen wolltest,
weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste weder dich noch mich damit.“

© Joachim Nusch Joachim Nusch - Theme by Pexeto