Gleichnis vom Elefanten

Ein indischer Fürst liess alle Blindgeborenen seines Landes zusammenführen und liess ihnen zeigen, wie ein Elefant aussieht.

Alle standen nun um den Elefanten herum und betasteten ihn, ein jeder, wo er gerade stand. Dann begab sich der König zu den Blinden und fragte sie: „Wie ist denn ein Elefant?“Und da sagten nun die einen:
Der Elefant ist wie ein Tragkessel – so sprachen die, die den Kopf betastet hatten.
Der Elefant ist wie eine Schaufel – so sagten die, die das Ohr des Elefanten betastet hatten.
Der Elefant ist wie eine Pflugschar – so sagten die, die seinen Zahn betastet hatten,
wie eine Stange am Pfluge ist der Elefant – so sagten die, die seinen Rüssel betastet hatten.
Wie ein Pfeiler ist der Elefant – sie hatten sein Bein berührt,
wie eine Keule ist der Elefant – sie hatten seinen Schwanz in die Hand genommen,
wie ein Besen ist der Elefant – so sprachen die, welche das Schwanzende befühlt hatten.

Und sie gerieten miteinander in Streit, und jeder meinte recht zu haben, denn er traute der eigenen Erfahrung.

Die drei Siebe

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Eines Tages kam ein Lehrling zu Sokrates gelaufen.

„Höre, Sokrates, ich muss dir berichten, wie dein Freund….“

„Halt ein“ unterbrach ihn der Philosoph.“Hast du das, was du mir sagen willst, durch drei Siebe gesiebt?“

„Drei Siebe?“ fragte der Lehrling verwundert.

„Ja! Drei Siebe! Das erste ist das Sieb der Wahrheit.
Hast du das, was du mir berichten willst,
geprüft ob es auch wahr ist?“

„Nein, ich hörte es erzählen.“

„Nun, so hast du sicher mit dem zweiten Sieb, dem Sieb der Güte, geprüft.
Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht wahr ist – wenigstens gut?“
Der andere zögerte. „Nein, das ist es eigentlich nicht. Im Gegenteil…..“

„Nun“, unterbrach ihn Sokrates. „so wollen wir noch das dritte Sieb nehmen und uns fragen,
ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so zu erregen scheint.“
„Notwendig gerade nicht….“

„Also“, lächelte der Weise, „wenn das, was du mir eben sagen wolltest,
weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste weder dich noch mich damit.“

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